Realisten mit utopischen Ansätzen
Die Jungen Liberalen (Julis) fordern die Herabsetzung des Wahlrechts auf 16 Jahre
GROßBEEREN - Vor ziemlich genau einem Jahr haben sich die Jungen Liberalen (Julis) Teltow-Fläming, die Jugendorganisation der FDP, gegründet. Auf der Gründungsveranstaltung ging es um das Thema Politikverdrossenheit. 40 junge Menschen nahmen damals daran teil. Mittlerweile haben die Julis in Teltow-Fläming sieben Mitglieder, vor allem aus dem Norden des Landkreises. Die drei Gründungsmitglieder sind nach wie vor im Amt. Nancy Rätsch ist Kreisvorsitzende, Jonas Borgwardt ihr Stellvertreter und Mattes Woeller der Schatzmeister. Bei der Kommunalwahl am 28. September hoffen sie, selbst gewählt zu werden. Alle drei treten für die Gemeindeparlamente ihrer Wohnorte an, Nancy Rätsch und Mattes Woeller wollen auch die Liberalen im Kreistag verstärken.
Für Nancy Rätsch ist die Politik schon jetzt Brötchengeber. Die 22-jährige Großbeerenerin ist Bürosachbearbeiterin im Bundestag beim FDP-Abgeordneten Heinz Lanfermann.
Jonas Borgwardt aus Ahrensdorf ist vor allem durch die Familie politisch geprägt. Seine Mutter ist seit fast 20 Jahren Bürgermeisterin in Ahrensdorf. „Ich war immer schon politisch interessiert“, sagt der Jura-Student, „in die FDP einzutreten war meine eigene Entscheidung.“
Für Mattes Woeller war die politische Arbeit der FDP in seiner Heimatgemeinde Rangsdorf vor acht Jahren der Beweggrund sich in der FDP zu engagieren. „Ich hatte den Eindruck, dort sind Leute, die wirklich was machen wollen“, sagt der 27-Jährige.
In der Frage, was liberal ist und wofür die FDP steht, sind sich die drei relativ einig. „Erst kommt der Mensch, dann kommen die Gesetze“, beschreibt Jonas Borgwardt sein liberales Verständnis. Die FDP sei die Partei der Bürgerrechte. Der Staat solle nicht regulierend sondern nur kontrollierend eingreifen. Alle Menschen seien für ihr Handeln verantwortlich und damit auch für die Gesellschaft. Die Autonomie der Bürger müsse im Vordergrund stehen. Freiheit, Toleranz und eine bunte Gesellschaft ohne Extremismus seien für ihn die wichtigsten Werte. Die aktuellen Ideen zu Onlinedurchsuchungen und Telefonüberwachung sehen die Julis kritisch. „Hier verwischt die Grenze zwischen dem Wohl des Bürgers und der Macht des Staates“, sagt Jonas Borgwardt. Wenn der Staat den Bürger kontrolliere, wer kontrolliere dann den Staat?
Sollte es am 28. September mit dem Einzug in die Parlamente klappen, haben die drei ihre eigenen Vorstellungen von der Arbeit als Abgeordnete. „Am wichtigsten finde ich Nachhaltigkeit“, so Jonas Borgwardt, „man muss über die Amtsperiode hinaus denken.“ Die FDP als zukünftige Opposition in Ludwigsfelde werde die Arbeit von Bürgermeister Frank Gerhard (SPD) kritisch beurteilen. „Und wir wollen Alternativen aufzeigen“, so der Ahrensdorfer.
In Großbeeren, wo die FDP zurzeit die stärkste Fraktion stellt, will sich Nancy Rätsch für eine weiterführende Oberschule, an der man das Abitur machen kann, stark machen. „Außerdem muss man die Jugendlichen stärker in die Entscheidungen, die sie betreffen, einbinden“, fordert die 22-Jährige. Betriebe, die sich besonders für Jugendliche einsetzen, sollten jährlich mit einem Preis von der Kommune ausgezeichnet werden.
Für Mattes Woeller läuft in Rangsdorf, wo die FDP den Bürgermeister stellt, vieles bereits gut: „Wir sollten so weitermachen und noch stärker werden.“ Ihm sei wichtig, freie Träger bei Schulen und Kitas einzubeziehen. „Das fördert die verschiedenen Konzepte und gibt den Bürgern Wahlmöglichkeiten“, sagt Woeller.
Nicht alle jungen Leute sind so engagiert und machen sich so viele Gedanken über Politik. Deswegen wollen die Julis das aktive Wahlrecht in Kommunen auf 16 Jahre absenken – eine Forderung, der sich auch die FDP in Brandenburg angeschlossen hat. „Die Älteren müssen die Jüngeren endlich für voll nehmen“, findet die Juli-Vorsitzende. Viele der älteren Politiker wüssten fast nichts über die jungen Leute, dabei hätten diese oft gute Ideen.
Eine Karriere in der „großen“ Politik strebt keiner der drei an. „Ich möchte erstmal erfahren, was Politik ist. Später kann man darüber nachdenken, ob man in höhere Sphären will“, sagt Jonas Borgwardt, der sich als „realistisch aber mit utopischen Ansätzen“ bezeichnet. Seine Mitstreiter stimmen ihm zu, dass es wichtig sei, Erfahrungen vor Ort zu sammeln. Dort sei auch das Feedback durch die Menschen besser als in der Landes- oder Bundespolitik.
Mit der Bundespartei gehen die Nachwuchs-Liberalen heftig ins Gericht: Zu schwammig sei die FDP, es fehlten klare Worte. „Man sollte sich dort auf die Oppositionsarbeit zurückbesinnen und sich nicht als Anhängsel der CDU sehen“, sagt Jonas Borgwardt, „wir sind schließlich keine Larifari-Partei.“ (Von Christian Zielke)
